Zum ORF
Im Sommer nach der Matura habe ich zum ersten Mal für den ORF gearbeitet, später dann sogar beim ORF, bald bin ich aber aus freien Stücken wieder vom Mitarbeiter zum Lieferanten geworden. Die "Pratersterne" gehören zu meinen schönsten und sinnvollsten Projekten. Der ORF ist ein guter Kunde, er bestellt regelmäßig und bezahlt pünktlich. Soweit das Geschäftliche, kommen wir zum Herzblut.
Was Österreich ist, habe ich im ORF gelernt. Das Bild vom Lagerfeuer, um das sich eine Gesellschaft versammelt, ist abgedroschen und irreführend, ein Land ist kein urzeitlicher Stamm oder Clan, die Idee der Nation will geradezu auf das Gegenteil hinaus. Patrioten fühlen mit Menschen, die sie eben nicht persönlich kennen. Vettern und Cousinen können sich durchaus um eine Flamme versammeln, aber damit ein Land zusammenhält, braucht es Wellen und Signale.
Der Österreichische Patriotismus ist ungefähr 60 Jahre alt. Seine Wurzeln reichen tief hinein, in Lichtungen und Sümpfe des alten Europa. Aber, dass Österreicher mehr sein können als schlampige Deutsche, das hätte noch 1950 kaum jemand gedacht. Dann kamen Figl und Kreisky, und dazwischen kam der ORF. Seinen Beitrag zur Österreichischen Identität halte ich für grundlegend. Und, weil gerade an vielen Orten und Unorten über seine Zukunft nachgedacht wird, möchte ich als guter Lieferant ein paar Gedanken teilen:
Beginnen wir mit dem Selbstverständlichen. Wer über den ORF diskutiert, führt keine Debatte über Marktwirtschaft. Es gibt in Österreich keinen Medienmarkt. Kein landesweites Medium könnte ohne Förderungen oder Mäzene nachhaltig Qualität produzieren. Österreichs Medienlandschaft existiert durch den ORF, nicht neben ihm. Wir sprechen also über Kultur.
Mariazell ist kein Hindernis für alternative Wallfahrtsorte. Wer das Riesenrad abreißt, schafft nicht Platz für neue Attraktionen, er macht den Prater unsichtbar. Und wer fordert, der ORF sollte ein Feld räumen, das nur Öffentlich-Rechtliche in Österreich überhaupt schaffen können, der kennt das Feld schlecht oder bekämpft es. Jede Regung österreichischer Eigenart wird durch den ORF zu größerer Geste ermutigt. Davon brauchen wir mehr und nicht weniger.
Österreich ist ein kleines Land. Wir wollen trotzdem genau wissen, wer wir sind. Und, wir wollen uns das selbst erzählen. Dafür brauchen wir ein dichtes Geflecht aus Journalismus, Technik, Wissenschaft und Kunst, das aus Debatten wahre, schöne und kräftige Beiträge formt. Das ist ein großes Vorhaben, aber es kann gelingen, indem Österreichs Kulturlandschaft ihre Unabhängigkeit selbst verwaltet. Eine Abnabelung von politischem Einfluss halte ich deshalb für den wichtigsten Baustein jeder ORF-Reform.
Die Finanzierung eines unabhängigen ORF muss durch Abgaben erfolgen, deren Zweck keine Regierung umwidmen kann. Sobald das Geld, das Österreich für Öffentlich-Rechtliche zusammenlegt, zur politischen Verschubmasse wird, verliert die Basis unserer Öffentlichkeit ihre Stabilität. Politik ist von Interessen geleitet, und die liegen nicht immer in Österreich. Davor sollten wir den ORF schützen, damit er Österreichs Identität schützen kann. Der Stiftungsrat braucht ein parteifernes Besetzungsverfahren.
Und dann? Wie soll der ORF in Zukunft die Existenz unabhängiger Öffentlichkeit in Österreich garantieren? Ich hoffe, wir sind einig, dass sein Platz auch in Zukunft an der Seite von Grundrechten, Pluralismus und Gewaltenteilung ist. Der ORF soll Demokratie nicht abwägen, sie soll sein Maß sein. In diesem Sinne sehe ich den weitgehenden Verzicht auf journalistische Kommentare als schweren Fehler. Urteile stehen nur Gerichten zu, aber Bewertungen sind Moderatoren nicht nur erlaubt, sie sind Teil ihres gesetzlichen Auftrages.
Der ORF ist weltanschaulich nicht neutral, er steht auf Seiten der liberalen Demokratie, und zwar nicht aus moralischer Entschlossenheit, sondern, weil ihm das Gesetz diese Position vorschreibt. Seine Befangenheit in Sachen Demokratie ist das einzige, worauf der ORF bestehen darf und muss. Hier fände ich eine Entwicklung hin zu mehr Deutlichkeit förderlich. Das würde auch den Eindruck von Manipulation zerstreuen. Kommentare, die sich klar von Berichterstattung abgrenzen, erhöhen die Glaubwürdigkeit.
Wenn es nach mir ginge, würde an die ZiB2 ein tagesaktueller Talk anschließen. Die spannendsten Köpfe aus Journalismus, Wissenschaft, Politik und Kultur würden dort die Themen des Tages besprechen. Ich fände diese Fortentwicklung der populären Langinterview-Strecke logisch, außerdem ist die Form in Österreich noch unbespielt und nur der ORF hätte ausreichend Ressourcen, sie journalistisch und logistisch zu stemmen. Hier könnten Vorfeld und Ausspielfläche für gemeinsame Recherchen mit anderen Medien entstehen. Und ein Podest für deren journalistische Zugpferde.
Kooperation ist ein Stichwort, das häufig fällt, wenn es um die Zukunft des ORF geht. Und mehr Zusammenarbeit mit externen Medien wäre sicher sinnvoll, noch dringender fände ich aber interne Vernetzung. Die Senderflotte des ORF segelt seit knapp 40 Jahren in relativ unveränderter Formation. Ihre strategische Neuausrichtung sehe ich als enormen Hebel für Akzeptanz und Relevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Österreich. Aber, wer soll mit wem und warum?
ARD und ZDF betreiben in Deutschland seit zehn Jahren rein digitale Angebote für Jugendliche und junge Erwachsene. Digital bedeutet in diesem Fall die Herstellung von Content für social media. Der ORF muss und wird hier besser werden. Der Draht zur Jugend führt aber nicht nur über Instagram, er führt auch über regionale Präsenz und Kompetenz. Hier drängt sich eine erste, vielleicht unerwartete, Paarung auf. Ich möchte vorweg betonen, dass hier keine Auflösung von Markenkernen vorgeschlagen wird, sondern zeitgemäßere Positionierung und Vernetzung.
Wir haben nicht mehr 1995. Wer heute wissen will, was schlaue, seltsame oder lustige Leute in Südkorea für Musik hören, fragt die KI und Sekunden später hast du Zugang zu so viel Indie K-Pop, dass ein Leben dafür nicht ausreicht. Aber wer begleitet Comedy in Hermagor? Wer berichtet über junge Architektur am Wallersee, das neue Generationencafé in Bludenz oder Sozialprojekte in Kapfenberg? Hier sehe ich die Zukunft von FM4. Was coolen, schlauen Nischenbewohnern früher ein Tor zur Welt war, kann sich vom verlässlichsten Partner der Österreichischen Musikwirtschaft zum Sprachrohr von Basiskultur in diesem Land auswachsen.
Ich fordere nicht, dass Radio FM4 seine überragende Kompetenz in Sachen internationale Popkultur aufgibt. Aber, ich sehe eine mögliche Zukunftsperspektive des Senders in Vernetzung mit regionalen Kulturvereinen, freien Medienprojekten und sozialen Initiativen. FM4 hat nicht nur die Herzensbildung, es hat auch das journalistische und intellektuelle Potential, die enorme Sehnsucht nach Gesehenwerden aufzufangen, die zur Zeit in so vielen Regionen zu viel Vertrauen in Demokratie kostet.
Kultur wird heute selten gefördert wie ein Grundbedürfnis und oft wie ein StartUp. Diese Entwicklung braucht keine mediale Entsprechung sondern kritische Begleitung. Daran besteht fast überall mehr Nachfrage als Angebot. Und FM4 könnte das leisten. Ich behaupte, sein wichtigster Partner dabei wären - in breitem Themenspektrum von nachhaltige Landwirtschaft bis regionale Popkultur - die Regionalradios. You´re at home, baby.
Auf Ö3 sehe ich die enorme Aufgabe zukommen, den Ehrgeiz eines ganzen Landes zu entwickeln, und zwar im Formulieren von Österreichs Position in großen Fragen. Das Leben ist längst kein Hit mehr, jedenfalls fühlt es sich für immer mehr Menschen eher wie ein Flop an. Das Ziel eines Flaggschiffes wie Ö3 muss bleiben, dunklen Gefühlen positive Ansagen entgegenzusetzen. Aber einem Publikum, dem täglich Bot-Armeen und Slop-Farmen den Unsinn um die Ohren hauen, begegnest du am Besten in Kooperation mit einem Partner wie Ö1. Ein Podcast-Universum, das sich globalen, gesellschaftlichen Fragen annimmt, sehe ich am ehesten aus Zusammenarbeit dieser beiden Sender entstehen. Europas erfolgreichster Kultursender und Österreichs größter Popsender wären ein unschlagbares Team.
Und, wenn wir schon dabei sind, kommen wir gleich auch noch zum Fernsehen. Im Endeffekt wird der ORF sich zu einer Plattform entwickeln, die viel unschärfer als heute zwischen Hörfunk und Bewegtbild unterscheidet. Seine Schwerpunkte werden auf Nachrichten, Debatte, Service und Unterhaltung liegen. Aber meiner Meinung nach hat der ORF noch eine weitere zentrale Aufgabe. Und das ist die Erzählung von Österreichs Geschichte. Wo kommen wir her, wo sind wir, wo gehen wir hin? Diese Geschichten wird Österreich niemand erzählen, wenn es nicht der ORF tut, denn das lohnt sich betriebswirtschaftlich kaum, aber eine Volkswirtschaft braucht nicht nur Rechtssicherheit und Infrastruktur, sie braucht auch gemeinsame Werte und Bereitschaft zur Solidarität.
Von den Babenbergern bis zur EU war es ein weiter Weg. Und wir sind immer noch unterwegs. Ich wünsche mir vom ORF, dass er das Erzählen dieses Weges zum entscheidenden Kriterium in Beauftragung und Förderung von Filmen und Serien erhebt. Das Anwachsen Wiens zur Millionenstadt im 19. Jahrhundert, die Auswirkungen des EU-Beitritts auf die Landwirtschaft, Flucht, Covid, Klimakrise, die erste Republik, all das ist fiktional nicht auserzählt, ganz zu schweigen von unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Milieus in Stadt und Land, denen man Kammerspiele, Serien und Filmreihen widmen könnte. Die Zukunft des ORF liegt auch in Übernahme von Verantwortung für die Geschichten des Landes.
Und was ist mit der Gegenwart? Ich behaupte, der ORF könnte sich leisten, seinen Satireformaten wieder mehr Geld, Freiheit und Spielraum zu geben. Auf die Absetzung der Ausprobierfläche „Kunststücke“ folgte eine Phase der Hochblüte. Formate wie „Sendung ohne Namen“ oder „Dorfers Donnerstalk“ wirkten stilprägend im ganzen deutschsprachigen Raum. „Wir sind Kaiser“ wird bis heute von Satirekollegen in Deutschland neidisch genannt, als Beispiel dafür, was in Österreich alles geht. Aus Gründen, die ich nicht beurteilen kann, investiert der ORF seit 15 Jahren immer weniger Geld in Satire. Und auch die Bereitschaft, redaktionelle Freiheiten einzuräumen wurde weniger. Ich bin wirklich nicht sicher, woran das liegt. Aber, umso sicherer, dass es Zeit ist, für mehr Mut. Wir Lieferanten stehen bereit.
Grundsätzlich könnte der ORF bei der Entwicklung neuer Formate zu alter Stärke finden. Lukas Mraz fällt sicher eine gute Kochsendung ein, Kira Schinko hat bereits unübersehbare Talentproben abgeliefert, Andi Herzog zeigt seit der WM sein Zeug zur Allzweckwaffe und jedes Reisemagazin würde sich alle Finger abschlecken für einen Host wie Steffi Sargnagel. Das waren nur ein paar wenige Bespiele. An Talent fehlt es dem Land wahrlich nicht. Und der ORF könnte die Marktposition heimischer Produktionen im Ausland entscheidend fördern, indem er die eigene Entwicklungsabteilung besser ausstattet. Wir können Unterhaltung, hier in Österreich. Lasst es uns zeigen!
Mir scheint, die neue Führung des ORF ist entschlossen zu sinnvoller Veränderung und mir scheint auch, im zuständigen Ministerium findet sie dafür aufgeschlossene Partner. Man weiß das ja nie genau, im Medienbetrieb geht es immer um sehr viel Geld und weit verzweigte Interessen. Da hat irgendwer eine Halle gemietet und wer anderer schuldet irgendwem einen Gefallen, irgendwer will Karriere machen und bremst dafür irgendwen aus. Es ist kompliziert. Trotzdem hoffe ich, dass in den kommenden Wochen und Monaten alle, die es gut meinen mit Österreich all ihre Vernunft zusammen nehmen und dem ORF zumindest nicht weiter schaden. Er ist zu wichtig fürs Land.