Wurzeln

Ich komme aus den Alpen. Meine Vorfahren waren Bauern. Über ihre Lieder, Gewänder oder Bräuche weiß ich fast nichts. Denn die Kultur meiner Ahnen wurde gründlich ausradiert, von Herrschaften, die Glauben und Lebensart diktieren wollten. Alpine Volksmusik war brisant, so viel wissen wir, die leibeigenen Bauern drückten in Liedern ihr Verlangen nach Rechten und Freiheiten aus. Geklungen hat das wohl mehr wie Rap und weniger wie die Harmlosigkeiten vom Bussi und vom Schatzi, die heute als traditionell gelten. Daran muss ich immer denken, wenn es Zeit wird, für Erntedank.

Die urige Musik meiner Heimat wurde verfolgt, zensuriert und schließlich radikal ausgelöscht. Ihr heutiger Sound knüpft an höfische Tänze an, mit denen die Musik der revolutionären Bauern verdrängt werden sollte. Und auch die meisten Landestrachten Österreichs sind keine 150 Jahre alt, entstanden als Kostümierung von Adeligen für die Sommerfrische. In der Freizeit trugen Hochwohlgeborene quasi die Arbeitskleidung der bäuerlichen Welt, aufpoliert mit teuren Bändern und Rüschen. Bis heute empfinde ich leise Kränkung, beim Anblick von Städtern in Tracht.

Bis tief ins 20. Jahrhundert gab es keine einzige Lebenssituation, in der eine Bäuerin ein Dirndl hätte tragen können. Keine. Und für einmal im Leben waren Bänder und Rüschen viel zu teuer. Was meine Ahnen getragen haben, was gesungen, kann ich nicht wissen. Zu lange Zeit wurde Geschichte von Ignoranten geschrieben, die versucht haben, uns absolut zu beherrschen. Dadurch ist fast alles Wesentliche in Vergessenheit geraten. Aber ganz gelingt Auslöschung nie.

Ich weiß nicht, wie die Lieder meiner Vorfahren geklungen haben. Umso lauter möchte ich sie singen. Wir wissen heute zum Beispiel, dass Adelige im Alpenraum nur einen Mann als Überbringer von Steuern akzeptiert haben, und deshalb gehen wir davon aus, dass die Alten im Patriarchat gelebt haben. Wissen tun wir das nicht. In Wirklichkeit wissen wir über die sozialen Strukturen der Bauerngemeinden in den Alpen sehr wenig. Vielleicht gab es dort Basisdemokratie, keine Erbschaften und jeden Mittwoch war Sexpositive Party. Why not?

Wenn Sie mich fragen, es ist Zeit für einen selbstbewussteren Umgang mit unseren Wurzeln. Legen wir die kränkenden Parodien unserer Kultur endlich ab! Wir können vielleicht nicht genau wissen, wie es früher einmal war. Aber, wir können es uns vorstellen und dabei nur das Beste annehmen. Das ist der Luxus der kleinen Leute. Wir haben unsere Geschichte nicht in der Hand, dafür sind unsere Geschichten umso schöner. Und sie entspringen immer dem Hier und Jetzt.

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