Wie Toni Polster und Onkel Dieter mich zum Kabarettisten gemacht haben

Die erste Großstadt meines Lebens war West-Berlin. Ende der Achtziger führte mein Vater eine Fernbeziehung zwischen Klagenfurt und Neukölln. Seine Liebe lebte ein Berlinleben, wie es in Herr Lehmann von Sven Regener beschrieben ist. Künstlerinnen ohne Werk, Wohnungen mit kaum mehr als einer Matratze, viel Alkohol, je nach Budget auch kostspieligere Drogen, man schläft bis Mittag, die Kinder sind an der Macht, sie werden es schon irgendwie richten. Man ist dagegen, ganz grundsätzlich, hat kaum Prinzipien aber viel Humor.

Als die Mauer fiel, war das für mich kein Medienereignis, es war ein Einschnitt in die Leben der nettesten Erwachsenen, die ich damals kannte. Ich erinnere mich an tief bewegte Telefonate, Verunsicherung, Enthusiasmus, Endzeitstimmung. Eine Woche später spielte die, von politischen Umwälzungen ebenfalls aufgewühlte, Nationalmannschaft der DDR in Wien gegen Österreich. Die abwesenden Gesichter der deutschen Spieler während ihrer Hymne und die Pfiffe gegen Toni Polster während der Österreichischen sind die ersten Live-Fernsehbilder, an die ich mich erinnern kann.

Mein Vater hat mir erklärt, dass die Leute den Toni Polster nicht mögen, weil er so wenig läuft. Ich konnte mich sofort mit dem Toni identifizieren. Was habe ich das Wandern gehasst! Sonntagsausflüge waren Gemeinheiten, die ich sehr persönlich nahm, im Turnunterricht habe ich Herzinfarkte vorgetäuscht um Dauerläufen zu entgehen. Außerdem wusste ich genau, wie sich das anfühlt, ein Außenseiter zu sein. Der Bub mit den langen Haaren, rosa Strähne, im Gewand der Cousinen, Linke in Kärnten, Slowenisch, Aufwachsen beim Vater, einem Intellektuellen, wenig Geld, die Mutter ein Punk, davonlaufen vor Schwarzkapplern, stehlen im Buchladen, der Großvater schwer krank, usw.. Und dann hat Toni Polster drei Tore geschossen.

Ein paar Wochen später war Weihnachten. Und die Schwester meiner Oma war zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in Kärnten. Sie hatte noch vor dem Mauerbau in die DDR geheiratet. Besuche bei ihr waren mit Verhören und strengen Auflagen verbunden, ausreisen durfte sie gar nicht. Aber jetzt war die ganze Familie da. Auch ihr Sohn Dieter. Mit dem saß ich im Wohnzimmer neben dem Christbaum und habe Witze erzählt. Ich wusste ungefähr eine Million und Onkel Dieter kannte sie alle noch nicht. Außerdem konnte ich Otto Waalkes nachmachen, da war ich mir ziemlich sicher.

Onkel Dieter war ein gutes Publikum. Aber nach zwei Stunden brauchte er eine Pause. Ich hatte noch nie einen Erwachsenen gesehen, der zum Rauchen vor die Tür geht. Dieter war der erste, aber ich war ihm dicht auf den Fersen, im Otto-Laufschritt, haHA! Draußen habe ich dann seine Rauchbewegungen parodiert, Kondensat in die Luft gehaucht, einen trockenen Rosenzweig zwischen den Fingern. Du bist lustig, hat Onkel Dieter gesagt, und mir einen Hundert Mark Schein überreicht. So viel Geld hatte ich davor noch nie in der Hand gehabt. Der Rosenzweig blieb vor der Tür liegen.

Im Sommer 1990 sind wir von Kärnten nach Wien gezogen, mein Vater und ich. Dort ging mein Außenseiter-Dasein erst so richtig los. Dialekt, alle Freunde weg, die linke Bubble geplatzt, nur mehr seltsam, wahrscheinlich verrückt. Ende der Geschichte. Unsere erste Wiener Wohnung war in der Kleinen Stadtgutgasse, der zweite Bezirk damals noch leistbar, freundlich waren nur die älteren Damen im Leopardenprint an der Straßenecke. Aber der Praterstern war ums Eck und ich hatte ein Fahrrad.

Im Prater war ich quasi jeden Tag. Meistens hatte ich einen Ball mit, war aber zu feig, um bei anderen Kindern mitzuspielen. Dribblings kannst du schwer parodieren. Es gab Nachmittage, da habe ich nur meinen Ball hergeborgt, und so getan, als könnte ich wegen einer Verletzung nicht spielen. Später, als ich schon Wiener Freunde hatte, war der Prater unser Revier, der Konstantinhügel unsere Burg, das Heustadelwasser die Prärie. Wir haben uns mit ausgefuchstem Trickebetrug ein Eis erschlichen, berechnende Freundschaften mit Söhnen von Hüpfburgbetreibern geschlossen und ja, auch Fußball gespielt. Original.

Aber das erste Jahr in Wien war richtig hart. Ich war einsam, in dieser grauen, unfreundlichen Stadt, habe mich mieser gefühlt, als ein kleines Kind sich fühlen sollte. Aber, wie gesagt, ich hatte ein Fahrrad und da war der Prater, in der Hauptallee ging es kein bisschen bergauf, man konnte sehr schnell werden, freihändig fahren, bis zum Praterstadion, sich dort hinstellen, die Hände hinter dem Rücken verschränken, wie Toni Polster und vielleicht irgendwann drei Tore schießen. Oder zumindest Witze erzählen, für hundert Mark. Das wäre kein schlechtes Leben, dachte ich mir. Und genau so ist es.

Danke Dieter, Danke Toni, für all eure Anstöße

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