Nolan, die Odyssee und der Blues
Am Vormittag hat mir mein Vater erzählt, der Kulturtheoretiker Theweleit meint, die Odyssee sei ein Gesang von Ruderern, ein rhythmisches Abarbeiten von Traumata in Wellen, quasi eine Wurzel des Blues. Am Nachmittag habe ich geruht. Und Abends waren wir dann in The Odyssey, im knallvollen Gartenbaukino, ein 70mm Projektor, meine Frau und ich. Sie erwartete gespannt ihr zweites Screening, für mich war Premiere. Unsere Vorbereitung war ideal und die Umgebung derart angenehm, dass ich meiner Wahrnehmung auch Tage später noch vorbehaltlos über den Weg traue und hiermit verkünde: Christopher Nolan deutet das Epos ähnlich wie Herr Theweleit und besetzt einen Rapper als Barden, die Bogensehne wird zur Gitarre. This machine kills fascists.
Woody Guthrie hätte seine Freude an dem Film. Nolan macht den ganzen Kinosaal zur dröhnenden Kithara und dreht als Dichter die dominante Erzählung der Gegenwart um. Wo neurechte Influencer alles, was sie für griechische Antike halten, ins Christentum einfädeln, nimmt der Filmemacher Nolan die Idee der Nächstenliebe und lässt sie im antiken Mythos wurzeln. Ein blasphemischerer Akt ist kaum denkbar. Wer sich Zaubergötter aus bürgerlicher Kinderstube herbei träumt, wird enttäuscht sein. Hier träumt kein Christenmensch seine Überlegenheitsgefühle über heidnischen Heldenkarneval hinweg, dieser Film meint es ernst, mit Europa, mit dem Iran, mit Soldaten im Drohnenkrieg, die monatelang in Erdlöchern ausharren. Sie sind der Maßstab. Und nicht wir, die wir aus warmer Stube unsere Haltungsnoten auf Irrfahrt über die Weltmeere schicken.
Dieser Film spielt in einer Welt, in der es niemandem gut gehen kann, noch nicht, vielleicht aber bald. Und zwar, weil es Dichtung gibt. The Odyssey ist eine Liebeserklärung an die Poesie, als Akt der Selbstbehauptung. Das Motiv der Welle wird durch die Handlung gezogen bis hin zum Schall, das Bardentum aus schwerer körperlicher Arbeit hergeleitet, im Rhythmus der Ruderschläge und im Klang der Bögen. Das ist Antifaschismus von der Wurzel her. Und jedes Bild schreit Kino! Das Meer ist ein weites Land, über das Männerkörper, von Gewalt gezeichnet, einen Weg zurück ins Leben suchen. Nicht heim, es gibt kein zurück. Diese Krieger haben Ordnung und Moral zerstört, sie sind gebrochene Sieger. Und zuhause warten Früchte der Gewalt, die sie selbst gesät haben. Keine Helden weit und breit.
Millionen Menschen strömen derzeit weltweit in einen Film, der von der Entfesselung roher Gewalt erzählt, in Bildern, die keinen Funken Geilheit liefern und mit hervorragenden Gemälden der Kunstgeschichte mithalten. The Odyssey ist an Ernsthaftigkeit und Schönheit kaum zu überbieten, in meiner Erinnerung jedenfalls nicht. Goya, Guernica, The Odyssey - meine persönliche Shortlist der bedeutendsten Bilder gegen Krieg wurde durch diesen Film ergänzt. Feelgood-Movie geht anders, aber wenn es soetwas gibt, wie eine ästhetische, intellektuelle Achterbahnfahrt, nach der Geist und Körper durchgerüttelt genug sind, für besseres Denken und Fühlen, hier ist sie.
Als ich einem Freund von dem Film erzähle, fällt ihm ein, dass frühe Christen ihre Darstellung von Jesus aus Orpheus entwickelt haben, diesem dunklen Helden, der den Tod mit Gesang überwindet. Erlösung durch Selbstbehauptung, ich glaube, dieser Idee folgt auch The Odyssey, er ist ein Plädoyer für die Dichtkunst als Wurzel von Demokratie. „Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen leiden, was sie müssen“ sagt Thukydides, und MAGA plappert es nach, aber Christopher Nolan hält dagegen: "Die Starken und die Schwachen sind dieselben Leute.". Wenn der große Trick gelungen ist, das System überlistet, der Sieg errungen, wartet kein Triumph, sondern Gewalt. Und dagegen hilft nur Liebe. Besungen im Klang der Bogensehne. Was für ein Kunstwerk. Unser Heimweg war leicht.