Help the rich!

Manchmal reicht es mir wirklich, mit den Milliardären. Als friedfertiger Mensch vergebe und vergesse ich leicht. Schütten Sie meinen Frühstückskaffee in den Blumentopf, ich werde höflich nachfragen und jede Antwort billigen. Aber dann kommt der Montag und wieder steckt irgendein Heini seine Milliarden in die Beschädigung von allem, was mir lieb und teuer ist. Was also tun? Wirst du jetzt laut, oder sogar deutlich, suchst andere, denen es genauso reicht und berätst, was zu tun wäre? Nichts dergleichen. Der wütende Hosea macht frischen Kaffee, dann liest er, und schreibt. Ja, im Zorn falle ich auf Vorschulniveau zurück. Lesen, schreiben, rechnen - kann ich alles, und tausche Witze gegen Geld. Größere Geschichten sind was für Revolutionäre, aber hier spricht der Märchenonkel:

Es war einmal eine Maus, die wurde von einem Löwen gefangen, doch gefressen wurde sie nicht. An so einer Maus ist nicht viel dran, dachte der Löwe wohl, und die Verschonte versprach dem Raubtier ihrerseits Rettung in Not. Der Löwe belächelte die kühne Maus, aber eines Tages verfing er sich in einem Netz aus kräftigen Seilen, kam nicht mehr vom Fleck und verhungerte fast. Laut brüllte der Löwe um Hilfe, seine Klage schallte durch die Savanne, und tatsächlich kam die Maus angerannt und nagte das Netz mit ihren scharfen Zähnen durch. Der Löwe war frei.

Solche Geschichten bringen mich auf andere Gedanken. Wenn es wiedermal reicht, mit den Milliardären, der Zorn ist groß, der Hosea klein, dann denke ich an die Maus und daran, was sie für den Löwen tun kann. Das Bild ist windschief, völlig klar, der Löwe aus dem Märchen verschont die Maus, er frisst sie nicht, und wenig deutet darauf hin, dass Milliardäre von Gnade geleitet wären. Warum sollten wir diesen Löwen helfen, ausgerechnet wir Habenichtse? Ganz einfach. Weil niemand frei sein kann, bevor nicht alle frei sind. Und, weil nur wir den Reichen helfen können.

Das Schönste am Leben in Europa heute ist, wir sind nicht allein. Unsere Leben sind verschränkt, wie nie zuvor. Dein schlimmster Feind finanziert deinen Arztbesuch, so geht Frieden und ich bin ein großer Fan. Wenn Sie mich fragen, der Sozialstaat ist die beste Idee, die Menschen jemals hatten, und hier bei uns ist sie besonders lebendig. Weltweit ist Besitz nirgendwo so unwichtig wie in Europa, weil wir das Allermeiste sowieso teilen. Doch mehr und mehr Milliardäre rutschen durch alle sozialen Netze. Da sollten wir nicht länger zuschauen.

Mäuse aller Länder, wir müssen uns gegenüber Superreichen wieder sozialer verhalten! Das ist unsere humanistische Pflicht als Mitmenschen. Wir lassen Milliardäre mit ihrem Unglück allein. Superreich klingt spitze, aber super heißt ja nicht gleich leiwand sonder erstmal nur über. Die optimistischste Forschung sagt, das Glück wächst bis fünfhunderttausend Euro Jahreseinkommen mit. Dann kommen nur mehr Sorgen dazu. Niemand sollte unter der Armutsgrenze leben müssen, aber auch niemand über der Reichtumsgrenze. Genau hier ist Gesellschaft gefordert. Weil, sozial bedeutet nicht barmherzig, sondern es gibt eine Gruppe. Wir kümmern uns nicht umeinander, weil wir Heilige sind, sondern weil Teilen sinnvoller ist als alles andere.

Man rutscht so schnell über das Glück hinaus. Stell dir vor, du bist tatsächlich bei der Milliarde angekommen. Da hört das Einkommen ja nicht auf, Geld kennt weder Maß noch Ziel! Im Gegenteil. Wenn du konservativ anlegst, fällt Minimum eine Million Zinsen an, und zwar jede Woche. Eine Million reines Spielgeld. Kurz ist das sicher ein Spaß, du lässt dir am Silvesterabend den Knight Rider einfliegen, I´ve been looking for freedom, Fetzengaude, aber am Neujahrstag sind immer noch neunhunderttausend Euro übrig und zu Dreikönig kommt schon die nächste Million. Der Knight Rider geht dir längst komplett auf den Keks. Also kaufst du jetzt lieber ein Haus und dann noch eines, diesmal am See und eines am anderen Ufer und dazwischen den See, weil jetzt kommt bald der Sommer und du bist immer noch beim Spielgeld.

Deine Ur-Milliarde greifst du beim Einkaufen gar nicht an, und Schwups, hast du eine zweite. Jetzt kommen pro Woche zwei Millionen dazu, rund um dich werden alle ärmer, weil das Geld gehört dir, der See gehört dir und die Häuser auch. Will denn niemand mehr wohnen oder schwimmen? fragts du dich. Wo sind denn alle? Aber, mit deinen Geboten kann niemand mehr mithalten. Jetzt kaufst du dir den ersten Politiker, weil ein bisschen Gesellschaft braucht jeder. Und der Politiker gibt dir in allem Recht, weil er will auch ein bisschen wohnen und schwimmen. Er sagt: Das Universum ist voller Extrawürstel und sie gehören alle dir!. Und das ist ein kritischer Punkt. Wenn du diesen Unsinn jetzt glaubst, da legt sich im Hirn ein Schalter um, den kriegst du ganz schwer wieder ins Lot. Ich kann immer alles haben, also hab ich immer recht.. - je tiefer du diesen Gedanken einwirken lässt, desto komplizierter wird die Reha.

Albert Einstein hätte nie behauptet, er kennt sich mit Biologie aus, aber du jetzt schon, weil du weißt über Biologie Sachen, die weiß kein Biologe. Und außerdem war der Einstein ein Sozialist! Und Sozialisten haben keine Ahnung von Biologie! Gibt er doch selber zu, dieser Einstein, wahrscheinlich der dümmste Mensch, der jemals gelebt hat. Unbelieveable. So läuft jetzt dein Denken. Ich weiß so viel, es ist abnormal, ich weiß alles über Gene, über Frauen, auch über Fußball, viel mehr als der Teamchef! Und dieses Gefühl kennen wir alle, aber ohne Vermögen ist Größenwahn nur bissi Bullerbü. Da reicht es, wenn du regelmäßig in Therapie gehst. Aber für Zehntausend die Stunde findet sich ein Therapeut, der dir fachlich entgegen kommt: Ja, das weiße Kaninchen gibt´s wirklich und Sie sollten immer drauf hören!

Ja, das mache ich! Und sonst nichts mehr! Hurra! In Europa führt dieses Mindset die Allermeisten in staatliche Einrichtungen, die Resozialisierung zum Ziel haben. Aber ein paar wenige Unglückliche fallen durch sämtliche Netze und werden auf so unerträgliche Weise reich, dass nicht nur ihr eigenes Leben vom Ausmaß des Vermögens zerstört wird, vielmehr erreicht die Wahrscheinlichkeit einer Auslöschung aller Menschenleben auf dem Planeten dadurch zweistellige Werte. Das ist zu viel. Mit vier Prozent Wahrscheinlichkeit der totalen Auslöschung unserer Spezies lässt sich noch relativ komfortabel leben, aber ab zehn Prozent veknappt sich das Arsenal der menschlichen Möglichkeiten auf zittern und hoffen.

Ein Warnsignal für absoluten Überreichtum ist, wenn du dir nicht mehr nur irgendwelche Provinzkaiser kaufen kannst, sondern wirkliche Player, vielleicht sogar den besten Politiker von allen, den Präsidenten von Amerika! Der ist total selten. Und, er braucht dringend Freunde. Drum lässt er dich jetzt überall reinschauen, weil der Präsident kennt die Geheimnisse von allen Leuten. Und ab heute zeigt er die nur mehr dir. So geht doch Freundschaft, oder?. 250 Millionen Dollar kostet dich das. Klingt viel? 250 Millionen Dollar, das sind inzwischen deine Zinsen von einer Woche, das ist jetzt dein Spielgeld. Nicht einmal ganz. Vom Wechselgeld geht sich noch Deutschland aus, wirst schon sehen.

Für manche Leute sind 250 Millionen wirklich ein Geld. So sad. 250 Millionen, so wenig kosten alle Betriebsgeheimnisse der Konkurrenz, der Stand der Wissenschaft auf allen Gebieten, die Sozialversicherungsdaten von allen Leuten. Das hast du jetzt alles. Schnäppchen. Aber sonst hast du nichts. Wenn es so weit kommt, ist fast alles zu spät. Mit Glück hat das nichts mehr zu tun. Wenn Überreiche in den Nachrichten auftreten, empfinde ich Zorn, aber bald darauf Mitleid, denn ich habe selten Menschen gesehen, die so offensichtlich dringend Hilfe brauchen. Diese Löwen sind tief verstrickt in ihre Netze, und keine Maus weit und breit. Wir tun einfach nichts, sind irgendwie perplex. Weil, damit, dass man einfach viel zu reich sein kann, so reich, das kann ein Mensch nicht mehr aushalten, wer hätte damit gerechnet, dass es so einen Reichtum überhaupt gibt?

Wir wissen, wie Hungernde aussehen, Frierende, Verstümmelte, an all das haben wir uns gewöhnt. Aber der Anblick von Überreichen ist neu. Jahrtausendelang haben die sich versteckt, in Schlössern und Burgen, wir kannten nur Gemälde, jeder öffentliche Auftritt ist strengstem Zeremoniell gefolgt, möglichst bizarr, damit wir kein Muster erkennen, und glauben, wir sind die Idioten. Glitzer und Puder haben vom tiefen Elend abgelenkt. Wie ein Mensch wirklich aussieht, der ein ganzes Land kaufen kann, das war uns schleierhaft. Aber jetzt schallen ihre Klagen durch die Savanne, wir Mäuse nähern uns vorsichtig, da zeigen die Löwen ihr wahres Gesicht. Es ist voller Unglück.

Warum jetzt? Warum drängen Überreiche ausgerechnet jetzt in die Öffentlichkeit? Ich glaube wirklich, das ist ein Hilferuf. Die haben Angst. Tiefe Angst vor der Zukunft, vor KI, vor dem Klima, vor ihren eigenen Mitarbeitern, nur vor einem fürchten die sich nicht: vor Mäusen und Märchen. Das ist purer Instinkt, eine soziale Sehnsucht. Strecken wir unsere Hand aus. Nehmen wir den Überreichen ihre Last ab und integrieren wir sie zurück in die Gesellschaft. Das ist unsere moralische Pflicht als Mitmenschen. Help the rich! Reichensteuer ist Sozialhilfe für Milliardäre. Weil, jetzt ist es wirklich genug. Für alle.

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