Der erste Witz
Ja, ich kann vom Kabarett leben und nein, so viel Text ist es gar nicht. Stellen Sie sich vor, Sie würden beruflich nichts anderes machen, als Witze. Eben. Da stimmt ja von vornherein schon irgendwas nicht, mit so einem Menschen. Ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, und plötzlich hat mich nichts mehr interessiert, außer es war lustig. Gleichzeitig hat mich alles interessiert, weil an allem etwas Lustiges ist. Ja, an allem. Aber, nicht alles davon ist für den Vortrag geeignet. Da musst du einen Kompromiss finden, nicht zuletzt mit dir selber, weil manche Pointen machen Gegenwind, und den musst du dann aushalten, sonst wird´s fad.
Jede Kabarettistin und jeder Kabarettist, den ich kenne, hat einen ersten Witz, eine Pointe, wo sie bemerkt haben, Öha, das könnte ich vielleicht beruflich machen. Man bemerkt das. Dir fällt ein Witz ein und alle lachen, nicht nur manche, und sie lachen nicht leise sondern laut, nicht nur manchmal sondern immer. Von diesen Wuchteln brauchst du ungefähr zwanzig Stück. Dann kannst du davon leben. Vielleicht nicht allzu gut, aber Zweizimmerwohnung geht sich aus. Pro Kind kommen dann noch zehn Sitzer dazu. Wer in Immobilien investieren will, braucht hundert Killer. Aber für den Anfang reicht ein einziger. Meiner war dieser:
Ich bin (von Beruf) Studienabbrecher
Aber, ich beruhige mich immer damit:
Bob Dylan ist auch Studienabbrecher
Dieter Bohlen ist Absolvent
Hier stimmt alles. Das war mir sofort klar. Es wird gescheitert und wieder aufgestanden, da spricht kein Triumphator sondern ein Faulpelz, aber mit Stil. Ich habe über diesen Witz keine Sekunde nachgedacht. Er war einfach da, und ich habe ihn gepflückt, keine Ahnung wie. Verraten Sie es niemandem, aber ich habe einmal, im Kölner Dom eine Kerze angezündet, aus Dankbarkeit für diesen Witz, der mir am Vortag einen Fernsehauftritt gerettet hatte. Denn diese Pointe ist unzerstörbar, die Konstruktion war sofort da und ich habe seit zwanzig Jahren nichts daran geändert. Bob Dylan BD, Dieter Bohlen DB - pures Gegenteil, das Ding geht nichtmal auf Kosten von Absolventen, weil ja die Selbstberuhigung eingebaut ist, und das (von Beruf) hat eigentlich gar keinen Sinn außer Rhythmus. Schmackofatz.
Es ist sicher nicht meine beste Pointe, dafür lässt sie sich zu lückenlos erklären, und das richtig gute Zeug gibt´s sowieso nicht gratis, weil ich habe drei Kinder und bestenfalls sechzig Kracher im Repertoire. Aber das war mein erster Witz und bis heute hilft er mir gelegentlich, verhaltene Stimmung anzukurbeln. Einmal hat das Publikum trotz Dylan/Bohlen nur wenig Reaktion gezeigt, nach diesem Abend habe ich monatelang das Ende meiner Laufbahn befürchtet. Seither sind zum Glück viele Sitzer dazu gekommen, aber ich wünsche Bobby und Dieter trotzdem ein langes Leben. Weil in der Vergangenheitsform wäre der Witz nur mehr traurig.